Die Frage lautet oft: Wer oder was sind wir?
Oder wo kommst du her?
Sie sucht nach einer festen Definition, einer Identität, einer Kategorie.
Nation, Volk, Kultur, Klasse, Label.
Doch die Frage „Wie sind wir?“ versucht dieses Denken aufzubrechen.
Sie ist fragiler, dynamischer und interessiert sich für die Art und Weise des Zusammenlebens.
Eine Frage, die alle einlädt, Teil eines gemeinsamen Prozesses zu sein.
Dabei geht es uns nicht um eine Antwort, sondern um den Versuch:
Wie kommen wir zusammen?
Wie handeln wir?
Wie widersprechen wir?
Wie erinnern wir uns?
Wie träumen wir?
Das Wie ist kein Zustand. Es ist fluide, offen, wandelbar. Es lässt das Wir immer wieder neu entstehen.
Das Ballhaus Prinzenallee ist dabei nicht nur ein Ort, sondern kollektiver Körper - aus Erinnerungen, Verdrängungen und Widersprüchen. Ein Körper, geformt aus den Menschen, die hier wirken, erschaffen und hinterfragen. Ein Kollektiv, das die Vielschichtigkeit kultureller Identitäten der Gegenwart sichtbar macht, geprägt von künstlerischen Handschriften, die sich nicht einordnen lassen, weil sie aus mehreren Welten zugleich sprechen.
Uneindeutig. Unerwartet. Unterfinanziert.
Das Ballhaus Prinzenallee im Berliner Wedding ist ein vom Trägerverein Interkulturell Akiv e. V. betriebenes freies Theater mit 200 Sitzplätzen. Die Arbeit des Hauses ruht auf drei zentralen Säulen, die das künstlerische Selbstverständnis prägen.
Politisches Theater. In zahlreichen Eigen-, Koproduktionen und Gastspielen schafft das Ballhaus Räume, in denen Gegenwart künstlerisch verhandelt wird und stellt sich entschieden gegen Verengungen, rechte Agenden und Kürzungen, die die Kulturlandschaft und die Begegnungsräume in Berlin bedrohen. Programmatisch rückt das Haus Themen wie Flucht, Migration, Rassismus, Feminismus sowie interkulturelle und queere Diskurse in den Mittelpunkt. Die Bandbreite an Aufführungsformen reicht von klassischen Theaterstücken über Zirkus, Tanz- und Musiktheater bis hin zu multimedialen Performances.
Plattform für Nachwuchs und marginalisierte Künstler:innen. Das Ballhaus bietet eine Bühne für Stimmen, die im etablierten Kulturbetrieb wenig Gehör finden und oft durch Förderrichtlinien fallen. Durch seine kleine Struktur, niederschwellige Angebote und gezielte Programme gelingt es dem Haus, ohne bürokratischen Aufwand, Möglichkeiten zu schaffen, um künstlerische Vorhaben zu verwirklichen. So entsteht ein vielfältiges künstlerisches Spektrum, das neue Perspektiven in den Fokus setzt und gesellschaftliche Realitäten in ihrer ganzen Breite widerspiegelt.
Partizipation und Teilhabe. Im Rahmen der mit.mach.Bühne werden Menschen aller Altersgruppen und sozialer und kultureller Hintergründe eingeladen, selbst aktiv zu werden. Theater wird als gemeinschaftlicher Prozess erlebbar, in dem Kreativität, Selbstbewusstsein und gesellschaftliches Engagement gleichermaßen gestärkt werden. Ziel ist es, die Begeisterung für Theater zu entfachen - als Ort an dem wir neue Formen des Miteinander erproben können. Für eine demokratische und weltoffene Stadtgesellschaft.
Durch diese drei Säulen ist das Ballhaus Prinzenallee weit mehr als ein Aufführungsort: Es ist ein Labor, ein Forum für gesellschaftlichen Dialog und ein Zuhause für künstlerische Vielfalt.
Das Gebäude des Ballhaus Prinzenallee in der Prinzenallee 33 im Berliner Wedding ist eines von nur fünf verbliebenen Ballhäusern in Berlin und geschichtsträchtiger, als man allgemein vermuten mag. Der Restaurantbesitzer Hermann Schmidt erweiterte im Jahr 1903 seine Gaststätte um einen Festsaal für 300 Personen und legte damit den Grundstein für die wechselvolle Geschichte dieses Anbaus im Hinterhof der Prinzenallee 33.
Sein Schmidt’scher Ballsaal erhielt aufgrund der verglasten Zugangsveranda den Namen Glaskasten und wurde rasch zu einem kulturellen Mittelpunkt für die proletarische Bevölkerung. Neben günstigem Essen gab es im Untergeschoss eine Kegelbahn, während im oberen Saal Droschkenkutscher, Laubenpieper und Hochzeitsgesellschaften ihre Feste feierten. Die Räumlichkeiten beherbergten zudem Ausstellungen, Proben und Auftritte von Theater- und Gesangsvereinen.In den 1920er Jahren wurde der Saal zunehmend von der KPD für Versammlungen und Schulungen genutzt. Hermann Schmidt selbst ließ sich jedoch keiner politischen Gruppierung zuordnen – für ihn zählte vor allem das Geld, das er mit den Mieteinnahmen verdiente. Deshalb hatte er auch nichts dagegen, als die Nationalsozialisten ab 1931 versuchten, den Glaskasten für sich zu nutzen. Doch das stieß auf heftigen Widerstand: Immer wieder kam es in der Prinzenallee zu Schlägereien zwischen KPD-Anhängern und der SA.
1933 stürmte die SA schließlich den Glaskasten. Mit der Machtübernahme Hitlers gelang es den Nationalsozialisten, die Kontrolle über den Saal zu übernehmen. Die SA machte ihn zu einem Sturmlokal, während die Kegelbahn im Keller in den folgenden Monaten als Folterstätte für Hunderte von Sozialdemokraten und Kommunisten diente – einige von ihnen überlebten die Misshandlungen nicht. Dies war die Zeit des berüchtigten "wilden KZ Glaskasten".Während des Zweiten Weltkriegs wurde zwar das Vorderhaus zerstört, der Glaskasten selbst blieb jedoch erhalten.
Ab 1945 nutzten die französischen Alliierten das Gebäude als Kriegsgefangenenlager. Bis in die 1950er Jahre hinein diente der Saal der St.-Petrus-Gemeinde für Gottesdienste, da ihre Kirche in der Bellermannstraße durch Bombenangriffe teilweise zerstört worden war.In den 1960er Jahren wurde das Wohnhaus mit Gaststätte wiedererrichtet, und das Ballhaus wurde erneut kulturell genutzt – zunächst für Theateraufführungen, später als Tanzlokal.