
YEMINSIZLER VOL 4 // PFAND DER TÖCHTER
In YEMINSIZLER („Die Gelübde-Losen"), lädt Duygu Agal jeden zweiten Monat Gäste aus ihren verschiedenen Leben in das Ballhaus Prinzenallee, die sich auch und gerade in ihren Künsten immer wieder vor diesen erbärmlichen Fragen wiederfinden. Sie haben gemein, dass sie sich allen Widrigkeiten zum Trotz der Mission verschrieben haben, einen genuinen, liebevollen Gegenentwurf zur Einsamkeit zu erstreiten.
Duygu Ağal im Gespräch mit Susana Abdul Majid
Die sogenannte Zivilisation bewegt sich auf Kosten von Töchtern. Die Tochter erbt nicht Besitz. Sie erbt das, was nicht gelöst wurde.
Zivilisation bewegt sich nicht nur durch Fortschritt, sondern auch durch Weitergabe und oft geschieht diese auf Kosten der Töchter. Sie erben keinen Besitz, sondern das Ungeklärte: Schuld, Sehnsucht, Arbeit. Es ist keine bloße biologische Linie, sondern eine strukturelle Übertragung von Last, eine Art Überschuss, der vermeintlich natürlich entsteht und deshalb zwangsweise weitergegeben werden muss.
Mythen fungieren dabei als Entsorgungssysteme. Sie verwandeln das Unpassende in erzählbare Ordnung. In der Gegenwart wird dieses Material weniger entsorgt als recycelt: Es zirkuliert weiter, verändert seine Form, bleibt aber wirksam. Und was selbst darin keinen Platz findet, landet erneut bei den Töchtern.
Antike Figuren wie Iphigenie, Kassandra oder Medea zeigen, wie Töchter zu Träger*innen dieses Überschusses werden. Sie verlieren, erlangen Wissen und werden geopfert, damit Ordnung bestehen kann, die durch die ewige Wiederholung als natürliche angenommen wird.
Susana stellt sich als Tochter und als Mutter einer Tochter die persönliche Frage: Was gebe ich weiter, was unterbreche ich?
Die Frage ist nicht mehr, wer wir sind, sondern wessen Tochter wir sind und ob wir es bleiben wollen.
Von:
Duygu Ağal
Regie:
Duygu Ağal
Duygu Ağal ist Autor:in und Moderator:in und lebt in Berlin. Sein literarisches Debüt hatte Ağal 2022 mit Yeni Yeşerenler (Die Wiedergeborenen, Blätter bekommen, grün werden), das im Korbinian Verlag erschienen ist. Zudem schreibt Ağal Songtexte, zuletzt in Kollaboration mit Rapperin EBOW für Chayas Überall, sowie für und mit der Band Derya Yıldırım & Grup Şimşek, für die Alben DOST 2 und Yarın Yoksa. Ağal moderiert regelmäßig in verschiedenen Kontexten, wie zuletzt im Rahmen der lit.Pop Köln, im Literaturhaus Berlin, im Literarischen Colloquium Berlin, auf dem Kampnagel Sommerfestival und auf der re:publica. Seit September 2024 hostet sie zusammen mit Ricarda Hillermann das Sport Studio SAINT FLESH im Roten Salon der Volksbühne Berlin. Im gleichen Jahr ist seine Solo-Talk-Reihe YEMINSIZLER, (Die Gelübde-Losen) am Ballhaus Prinzenallee gestartet. Seit Herbst 2024 studiert sie Drehbuch und Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Ağals Theaterdebüt 'Paradies-Acker' wurde im Dezember 2025, am Schauspielhaus Düsseldorf zur Uraufführung gebracht.
Susana Abdul Majid
ist Schauspielerin, Autorin und Dozentin. In ihren Arbeiten tauchen alte mesopotamische Mythen in der Gegenwart wieder auf – manchmal als babylonische Göttinnen, manchmal als Müll. Ihre Texte kreisen um Archive, Städte und die Frage, was mit Geschichten geschieht, wenn Zivilisation sie verwaltet oder entsorgt. Sie spielte auf zahlreichen Bühnen in Europa, u. a. an der Schaubühne und am NTGent unter Milo Rau, sowie in Filmen wie Jibril (Berlinale Panorama). AbdulMajid leitet Seminare zur arabischen Identität und Diaspora an der Freien Universität Berlin, gestaltet den deutsch-arabischen Kongress Siyasa mit und arbeitet seit 2019 im UNESCO-Projekt Revive the Spirit of Mosul.



